
Es ist ein Anblick, den man so schnell nicht vergisst: Wo sonst ein tiefblauer See im Nordschwarzwald glitzert, breitet sich aktuell eine fast surreale Landschaft aus – karg, schlammig, mit Strukturen, die jahrzehntelang verborgen waren und normalerweise von Wasser bedeckt sind. Die Schwarzenbachtalsperre bei Forbach ist derzeit komplett abgelassen. Das ist alles andere als Alltag und lohnt sich für einen Wochenendausflug.
Seit ihrer Fertigstellung im Jahr 1926 wurde die Talsperre nur viermal vollständig entleert, das letzte Mal vor knapp 30 Jahren, 1997. Und eben aktuell. Heißt: Wer dieses Schauspiel heute erlebt, sieht etwas, das oft nur einmal im Leben möglich ist. Gerade für Familien ist das eine besondere Gelegenheit: Kinder können hier quasi „unter die Oberfläche“ eines Sees schauen – ein Perspektivwechsel, der sonst unmöglich ist, denn ansonsten drehen auf dem See nur Tretboote ihre Runden oder wagen mutige Schwimmer im Sommer einen Sprung ins kühle Nass.
So spektakulär das Ganze aussieht – der Grund ist ziemlich technisch: Der Stausee mit einer Fläche von 0,66 km² und einer Länge von ca. zwei Kilometern wird trockengelegt, um umfangreiche Sanierungs- und Revisionsarbeiten durchzuführen. Bis zum Oktober wird aktuell gebaut, instandgesetzt und repariert. Bis der See ganz leergelaufen ist, dauert es rein rechnerisch 2 Monate und 14 Tage, begonnen damit wurde bereits im Winter, inzwischen ist der Pegel auf ein Minimum gesunken.
Die wichtigste Frage, die wohl jedes Kind stellen wird: Wo sind denn die Fische hin? Hechte, Karpfen, Welse & Co. wurden während des Ablass-Prozesses, der über mehrere Wochen vonstattenging, von den Mitgliedern der Angelvereine der Umgebung mit Netzen aufwendig gefangen, mit speziellen Lastwagen abtransportiert und umgesetzt. Also keine Sorge, tote Fische liegen nicht auf dem Boden. Wenn der See wieder voll ist, kommen die Fische von alleine wieder - dafür sorgt die Natur.
Normalerweise fasst die Talsperre rund 14,4 Millionen Kubikmeter Wasser – der See ist bis zu 60 Meter tief. Jetzt zeigt sich, was darunter liegt: Alte Bachläufe, bizarre Schlammflächen und immer wieder Baumstümpfe. Denn bevor man damals beschloss, den Schwarzenbach und seine Zuläufe aufzustauen, schlängelte sich dieser durch einen typischen Schwarzwälder Auwald. Wie dieser aussah, ist momentan gut zu erkennen, wenn das Ganze auch eher wirkt wie eine Mondlandschaft mitten im Schwarzwald – oder eine Tagebaugrube.
Was man nicht sieht: Ein ganzes Dorf – wie ursprünglich einmal ein Gerücht lautete. Ein paar alte Wegreste und die Grundmauern der drei Gebäude, die der Stauung damals zum Opfer fielen, sind aber erkennbar. Auch Schatzsucher dürften eher enttäuscht werden, denn ein paar Münzen und Waffen aus dem Zweiten Weltkrieg waren bereits bei den vorigen Leerungen entdeckt worden. Alte Autoreifen und ein paar verrostete Fässer zeugen eher von Umweltsünden, aber spannend ist ein Besuch allemal.
So verlockend es ist: Der freigelegte Seegrund ist kein Abenteuerspielplatz. Das Betreten ist verboten – und das aus gutem Grund. Der Boden ist weich und kann gefährlich einsinken. Deshalb rät die EnBW als Betreiber des Geländes auch die Hinweise vor Ort zu beachten. Besonders Hundebesitzer sollten aufpassen: Denn vor allem Glasscherben sind auf dem jetzt freiliegenden Grund jetzt häufig zu finden.
Was aber problemlos geht: Ein Spaziergang entlang der Staumauer, eine Familienwanderung rund um den See, Fotospots mit echtem „Wow-Faktor“ und Gespräche über Energie, Natur und Geschichten. Gerade für Kinder lässt sich hier viel erklären: Wie funktioniert ein Stausee? Warum braucht man ihn für Strom? Und was passiert, wenn er plötzlich leer ist?
Die Schwarzenbachtalsperre ist ein echtes Technikdenkmal. Sie gehört zum Rudolf-Fettweis-Werk, einem wichtigen Baustein der Energieversorgung im Land. Dass sie ausgerechnet im Jahr ihres 100. Geburtstags wieder komplett leer ist, macht die Situation noch besonderer.
Der leere Stausee ist mehr als nur ein ungewöhnliches Ausflugsziel. Er ist ein seltenes Zeitfenster, das einen Blick hinter die Kulissen erlaubt – und ein Erlebnis, das man so schnell nicht wieder bekommt: Denn rein statistisch steht eine Leerung nur alle 23 Jahre an, zwischen 1952 und 1997 waren es sogar ganze 45 Jahre. Anders gesagt: Jetzt ist der Moment, den See mal ganz ohne Wasser zu erleben. Bis Oktober ist genug Zeit dafür und das nächste sonnige Wochenende kommt bestimmt ...
Der Rundweg um den See hat eine Länge von ca. 6,5 Kilometern. Er verläuft auf der nördlichen Uferseite entlang des Sees und führt auf der südlichen Seite durch den Wald zurück. Entlang des Uferweges befinden sich mehrere Infotafeln, die über die Baugeschichte der Talsperre und die Technik der Stromgewinnung Auskunft geben. Ein kleiner Kiosk direkt an der Sperre bietet Snacks, Kaffee und Eis, zwei Parkplätze bieten Platz für Autofahrer. Am Wochenende kann es gerade bei gutem Wetter voll werden.
ÖPNV
Die Talsperre ist von Forbach oder Bühl bzw. der Schwarzwaldhochstraße über die Buslinie 263 des KVV gut erreichbar.

