
Der Weitblickweg mixt Panorama-Walking mit begehbarer Kunst und einer ordentlichen Portion Erdung. Wer hier läuft, sucht keinen Kitsch, sondern Klarheit.
Manchmal braucht es keine Alpen, um den Kopf frei zu kriegen. Wer in Hohenhaslach aus dem Auto steigt, merkt schnell: Hier oben ist die Luft anders, der Blick weiter. Der Weitblickweg ist kein klassischer Wanderpfad, auf dem man stumpf Kilometer frisst. Er ist ein viereinhalb Kilometer langer Parcours für die Sinne, konzipiert als „Besinnungs- und Kunstpfad“. Das klingt erst mal nach Museum, ist aber in der Realität ziemlich greifbar.
„Nur wenn man Kunst begeht, wird sie erlebbar“, sagt Martin Burchard. Der Künstler aus Tübingen hat hier keinen Skulpturenpark zum Angucken hingestellt, sondern Stationen zum Erleben. Das Herzstück: Riesige Kelche aus Stahl und Bronze, die mitten in den Reben stehen.
Besonders der „Kelch der Dankbarkeit und Freude“ zieht die Blicke auf sich. Drei Meter hoch, rostiger Stahl, kombiniert mit bunten Glasscheiben. Wer hineintritt, steht in einem Lichtspiel aus Farben und liest Begriffe, die einen kurz stoppen lassen. „Allein beim Lesen der Worte bekommt man einen anderen Blickwinkel“, erklärt Mit-Initiator und Weinbauer Reinhard Baumgärtner. Er ist keiner, der viel um den heißen Brei redet, aber bei diesem Kelch wird selbst der Praktiker nachdenklich.
Das Besondere am Konzept: Jede der sechs Stationen bietet „doppelten Content“. Es gibt Texttafeln mit neutralen Lebensweisheiten für alle, die mit Religion wenig am Hut haben, und daneben Impulse mit christlichem Hintergrund aus der Feder von Pfarrer Michael Wanner. „Wer die christlichen Texte nicht lesen will, liest einfach die anderen“, so Burchard entspannt. Kein Zwang, keine Missionierung – einfach nur Denkanstöße für den eigenen Horizont.
Wer es eher mit harten Fakten hat, kommt beim „Geologischen Fenster“ auf seine Kosten. Die freigelegte Gesteinsformation zeigt roten und grauen Keupermergel. Das ist kein dekorativer Schutt, sondern 200 Millionen Jahre Erdgeschichte zum Anfassen. Direkt daneben steht eine Uhr ohne Zeiger. Ein starkes Bild für den Kontrast zwischen unserer oft stressigen 24/7-Mentalität und der unendlichen Ruhe des Berges.
Sportlich wird es an der „Himmelsleiter“. Sie zieht sich schnurgerade und steil den Hang hinauf. Oben angekommen, geht man durch ein massives Tor und wird mit dem belohnt, was dem Weg seinen Namen gibt: Bei guter Sicht reicht der Blick über das Kirbachtal bis nach Stuttgart oder in den Nordschwarzwald.
Der Weg ist mit zwei bis drei Stunden kalkuliert – wer durchrennt, verpasst das Beste. Denn hier geht es um den „Perspektivwechsel“. Nach der Runde wartet die Belohnung in flüssiger Form. In Hohenhaslach ist das nächste Weingut oder die nächste Besenwirtschaft nie weit weg. Ein Glas Wein, ein Vesper und das Gefühl, den Kopf mal ordentlich durchgelüftet zu haben – mehr braucht ein guter Tag im Land eigentlich nicht.
Distanz: 4,5 km (Rundweg)
Zeitfaktor: Plan 2,5 Stunden ein. Es geht nicht ums Tempo, sondern ums Anhalten
Terrain: Überraschend barrierefrei! Fast die gesamte Strecke ist für Kinderwagen und Rollstühle machbar. Nur an der Himmelsleiter (Station 4) und beim Waldplateau (Station 5) gibt es Treppen bzw. steile Pfade – hier ist aber jeweils eine flache Umleitung ausgeschildert
Spot-Check: Station 5 liegt etwas versteckt im Wald oberhalb der Straße. Deshalb links auf das Schild achten!
Basecamp: Parkplatz „Kelterplatz“ in 74343 Hohenhaslach. Wenn dort voll ist, kann man auf die Kirbachschule oder den Friedhof ausweichen
→ Aktuelle Besen-Termine und die digitale Karte gibt’s hier.
1. Die Himmelsleiter (Station 4)
Dies ist der absolute Signature-Shot des Weges.
Der Winkel: Eine Aufnahme von ganz unten am Hang steil nach oben betont die vertikale Linienführung. Die Leiter scheint dadurch direkt in den Himmel zu führen, was auf Fotos eine starke Wirkung erzielt.
Das Motiv: Oben am Torbogen angekommen, bietet sich der Blick zurück ins Tal an. Der Torbogen fungiert dabei als natürlicher Bilderrahmen für die Landschaft.
2. Kelch der Dankbarkeit (Station 2)
An dieser Station stehen Licht und Farben im Mittelpunkt.
Timing: Bei tiefstehender Sonne (vormittags oder am späten Nachmittag) leuchten die vier regenbogenfarbenen Glasscheiben besonders intensiv.
Der Trick: Perspektiven aus dem Inneren des Kelches nach oben gegen das Licht oder Aufnahmen der bunten Lichtreflexe auf dem rostigen Stahl und dem Boden eignen sich hervorragend für Detailaufnahmen.
3. Geologisches Fenster (Station 6)
Dieser Spot bietet sich für Fans von Strukturen und Kontrasten an.
Das Motiv: Die Uhr ohne Zeiger direkt vor der zerklüfteten Wand aus Keupermergel. Das Zusammenspiel zwischen dem glatten Metall der Uhr und dem rauen, Millionen Jahre alten Gestein im Hintergrund ergibt ein perfektes Stillleben.
4. Das Panorama-Plateau (Station 5)
Hier findet sich die klassische Postkarten-Ansicht.
Der Ausblick: Ein Standort, an dem die Rebenreihen im Vordergrund als Führungslinien Richtung Horizont dienen, ist ideal. Bei klarer Sicht reicht das Panorama bis zum Schwarzwald.
Empfehlung für die Tour: Bei Station 3 („Glücklich leben“) kann die Kamera bewusst beiseitegelegt werden. Da sich diese Station mit inneren Entscheidungen befasst, lädt der Waldabschnitt eher zur Reflexion und zum Genießen der Stille ein, bevor an der Himmelsleiter wieder fotografiert wird.
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