
Nach der Reichspogromnacht 1938 war die Situation für das jüdische Ehepaar Julie und Emanuel Adler in Cannstatt unhaltbar geworden. Ihre zwei Kinder Hans (1908-1979) und Fanny (1913-2014) lebten in den USA bzw. in Frankreich. Die 1977 interviewten älteren Hochberger erinnerten sich gegenüber Arnd Breuning, dass das Ehepaar nach England entkam, bei Gertrud Bolay findet sich die Information, dass beide in die USA auswanderten. Beide Aussagen lassen sich nun harmonisieren, denn England war nur das Transitland: Die us-amerikanischen Behörden vermerkten am 27.04.1939 in New York, dass Julie und Emanuel Adler am 01.04.1939 in Southampton, England die S.S. Manhattan bestiegen hätten, um mit diesem Schiff den Atlantik zu queren. Die Manhattan war Ende 1931 vom Stapel gelaufen und war das damals größte in den USA gebaute Schiff. Sie war für 1.100 Passagiere ausgelegt. In der Kabinenklasse kostete die Überfahrt ab 186 Dollar (2026 entspricht das etwa 4.300 Dollar). Wahrscheinlich war das Ehepaar schon am 22.03.1939 in Hamburg an Bord gegangen, von wo aus die Manhattan Southampton ansteuerte. Die Fahrt der Manhattan im März 1939 von Hamburg nach Southampton ist bekannt, denn das Schiff nahm 80 minderjährige jüdische Kinder der sog. Kindertransporte nach Großbritannien mit. Julie und Emanuel Adler schafften die Transatlantikroute mit der Manhattan von Hamburg gerade noch, denn sechs Wochen später startete ebenfalls von Hamburg die St. Louis mit 937 jüdischen Passagieren und kehrte nach fünf Wochen auf See und einer Irrfahrt mit den Passagieren nach Europa zurück, weil die Aufnahme in Kuba und den USA verweigert wurde.
1939 in die USA einzureisen, war sehr schwierig: Es gab ein Quotensystem für Einwanderer nach Nationen. 1939 wurden 27.370 Visa für Deutsche erteilt, nach der Reichspogromnacht hatten sich aber über 300.000 deutsche Juden um ein Visum in die USA bemüht. Die USA verlangten von den von den Nazis vor der Ausreise um all ihren Besitz gebrachten Juden ein „Affidavit of Support“: Ein in den USA ansässiger Verwandter musste eidesstattlich garantieren, für den Lebensunterhalt des Einwanderers aufzukommen. Der schon 1927 in die USA ausgewanderte und wirtschaftlich erfolgreiche Sohn Hans war offensichtlich die Rettung für Julie und Emanuel Adler: Er bezahlte die teure Schiffspassage und übernahm die Bürgschaft für seine mittellosen Eltern. Am 31.10.1939 beantragten Julie und Emanuel Adler in New York die US-Staatsbürgerschaft. Diese muss ihnen bald erteilt worden sein, denn 1946 sind sie bei einer erneuten Atlantikquerung als US-Amerikaner in den Passagierlisten geführt. Als Adresse gab das Ehepaar 1939 „614 West 157th Street, New York“ an. Das liegt im nördlichen Manhattan im Stadtteil Washington Heights. Zu dieser Zeit lebte dort eine Mischung aus irischen und italienischen Familien sowie eine wachsende Zahl deutsch-jüdischer Flüchtlinge. Die Gegend entwickelte sich zu einem wichtigen Zentrum der deutsch-jüdischen Exilgemeinschaft und wurde "Frankfurt-on-the-Hudson" genannt. Hier war das Ehepaar sicher nicht isoliert, kehrte aber dennoch 1946 nach Europa zurück. Hierüber nächste Woche mehr.
1. April, 10 Uhr: Buchvorstellung im Remsecker Literaturkreis
Kai Buschmann stellt den biographischen Roman „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ des israelischen Autors Amos Oz vor. Ort: Haus der Bürger, Aldingen.
Kai Buschmann
Beth Shalom – Haus des Friedens. Verein für Erinnerungs- und Friedensarbeit in Remseck e.V., www.bethshalom-remseck.de, info@bethshalom-remseck.de
