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Jan Weiler liest im MAX: Mit der Träne im Knopfloch

Er ist Vater und schreibt darüber. Doch die Lesung, die Jan Weiler nun auf die Bühne des MAX brachte, war ein Abgesang auf Kindheit und Jugend, auf die...
Ein Mann sitzt auf einem Stuhl hinter einem Tisch, er spricht in ein Mikrofon
Jan Weiler war mit „Das Beste! Mein Leben zwischen Pubertieren“ in der Kulturbühne MAX zu hören.Foto: cs

Er ist Vater und schreibt darüber. Doch die Lesung, die Jan Weiler nun auf die Bühne des MAX brachte, war ein Abgesang auf Kindheit und Jugend, auf die Familie, wie sie einst war, und das, was er über 19 Jahre erzählte. Ein unterhaltsamer Abend, in dem die Melancholie nie groß wurde, aber doch vom Bühnenrand aus winkte.

Sohn Nick. Tochter Carla. Ehefrau Sara. Es sind Namen, die jeder Leser aus dem Universum des Jan Weiler kennt. Jahrelang hat er seine Kolumnen über die Welt der Familie, vor allem aber der heranwachsenden Pubertiere geschrieben. Genauer: 19 Jahre lang. „Mein Leben als Mensch“ erscheint jede Woche in der „Welt am Sonntag“. Kürzlich, so sagt Weiler, sei die 977. Folge erschienen. Er wird seine Worte weiterschreiben, im Sommer auf die 1.000. Veröffentlichung zusteuern. Aber anders. Denn die Pubertiere sind keine mehr. „Carla ist jetzt 27“, erzählt Weiler. Sohn Nick ist vier Jahre jünger. Und die Ehe – man lebt sie getrennt voneinander. Doch an diesem Abend lässt der Autor die Zeit des ersten Elterndates ohne Babysitter nochmals Revue passieren. Genauso die wenig romantischen, dafür umso sexualisierteren Dreizeiler 15-jähriger Möchtegernlyriker, die zu einem hitzigen Elternabend führen, den Vater Weiler in großer Vorfreude besucht. „Es gibt nichts Unterhaltsameres als Erziehungsberechtigte in zerebraler Auflösung“, grinst er. Als Jan Weiler das sagt, sitzt er auf der Bühne hinter einem kleinen Tisch. Der früher so akkurat Gestylte hat sich verändert. Der Cordanzug wirkt ein wenig nach Rebellion, die Frisur befindet sich in ähnlichem Auflösungsstadium wie die von ihm ins Feld geführten Erziehungsberechtigten des Elternabends.

Die ganze Pubertät, die sich sonst über Jahre zieht, an nur einem Abend – das verspricht Autor Jan Weiler seinem Publikum. „Das kriegen Sie sonst nur, wenn Sie mit dem bayrischen Ministerpräsidenten essen gehen“, schwört er. Was man bei Weiler kriegt, sind die Momente familienbiografischer Meilensteine, die auch in der eigenen Erinnerung noch äußerst lebendig sind. Und ja, Eltern wissen genau, von wem die Rede ist, wenn Weiler Ulrich Dattelmann erwähnt – jenen erklärungssüchtigen, hyperengagierten Vater, der jedem seine Aufgaben zuweist und den man von Kindergarten bis Abitur nicht loswird. Dattelmann heißt in der Realität der Eltern, die in den Reihen des MAX in sich hinein grinsend und kopfnickend das Elend des Autors als Theatervorhangbeauftragten in Gedanken teilen, nur eben anders.

Zwischen Erwachsenwerden und Abnabelung

Die Texte, die Weiler an diesem Abend liest, ziehen die Spur von Erwachsenwerden und Abnabelung mit sich. Mit Genderdebatten, die für den Vater Sprachfeinheiten sind, für Tochter Carla aber Mansplaining, der Aufteilung von Familie und Hausstand in anfangs zwei und nunmehr vier Münchner Wohnungen und den kuriosen Wissenseinlassungen von Sohn Nick in der Weiler'schen Männer-WG eilen sie durch die Jahre hinein in neue Wände und Lieben. „Ich bin da nicht gut drin“, kommentiert Weiler das, was sein Leben verändert. Und ein bisschen meint man zu spüren, dass die Empörung über das Nachwuchs-seitige Ignorieren des klingelnden Handys, da väterliche Anrufe nur mehr als unverbindliche Kommunikationsangebote angesehen werden, tiefer geht als das bloße Wort eines Mannes im leeren Nest. Zugleich wirkt Weiler an diesem Abend gelöst, wenn er vom einstigen Musical-Besuch zusammen mit Ehefrau Sara erzählt. Und auch als er die Witze seines Sohnes zum Besten gibt, scheint er aufrichtig lachen zu müssen. Immer wieder taucht er zudem kurz ab in Anekdoten abseits der Texte seines Pubertier-Universums. Von dem nimmt man an diesem Abend durchaus heiter Abschied; und hat doch ein bisschen die Träne im Knopfloch. Denn Weilers Abschied von Ulrich Dattelmann und Co. ist auch der eigene. (cs)

Ein Mann sitzt auf einem Stuhl und lacht, er fasst sich mit den Fingern an die Nase.
Immer wieder musste der Autor selbst lachen über Anekdoten von damals - oder auch die Witze von Sohn Nick.
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Hemsbacher Woche
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Ausgabe 05/2026
von Redaktion NUSSBAUMRedaktion NUSSBAUM
29.01.2026
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