
Auschwitz steht wie kaum ein anderes Wort als Inbegriff des Holocausts im Dritten Reich. Der Tag der Befreiung des Lagers am 27. Januar 1945 steht heute als weltweiter Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Der Förderverein Ehemalige Synagoge Hemsbach begeht ihn seit 2012 mit einem Konzert des Duo Allegro, zu dessen Einleitung Albrecht Lohrbächer deutliche Worte fand.
1,1 Millionen. Das ist die Zahl der Menschen, die in Auschwitz in den Jahren 1940 bis 1945 ermordet wurden. Insgesamt fielen der Vernichtung durch das Nazi-Regime mehr als 6 Millionen Menschen zum Opfer. Die Befreiung des Konzentrationslagers markierte das beginnende Ende des Mordens in einem Krieg, der sich noch bis in den April zog.
„Nie wieder.“ Wer sich am 27. Januar durch die Sozialen Medien bewegte, dem fiel diese Forderung allenthalben ins Auge. „Nie wieder“ ist der Spruch, mit dem seit Jahren gegen das Vergessen angegangen wird. Wie oft müsse er dieser Tage und vor allem am 27. Januar hören und lesen „Nie wieder“, sagte auch Albrecht Lohrbächer in seiner Begrüßung an die Gäste in der Ehemaligen Synagoge. Dem früheren Vorsitzenden des Fördervereins stand aber wenig der Sinn danach, diese zwei Worte schlicht zu wiederholen. Im Gegenteil: „So viel Heuchelei war unter uns noch nie“, sagte er stattdessen mit Blick auf hohl klingende Worte in einer Zeit, in der sich der Hass gegen Juden weltweit zeigt. Auch wenn Auschwitz ein Ende markierte, so markierte es nicht das Ende des Antisemitismus. Auch nicht in Deutschland. Das Internet, so sagte Lohrbächer, sei voll mit unzähligen Hetzkampagnen gegen Juden, wo immer sie leben, voller Boykottaufrufe gegen jüdische Wissenschaftler und Künstler. „Das soll ‚nie wieder‘ sein in Deutschland?“, verwies Lohrbächer darauf, dass sich Juden auf Straßen, in Schulen und Universitäten nicht mehr sicher fühlen könnten. Er könne das Versprechen des „Nie wieder“ folglich nicht mehr vollmundig vor sich hertragen.
Der Förderverein stemmt sich mit seiner Erinnerungsarbeit gegen eine simple Phrasendrescherei. Dass sie Wirkung zeigt, unterstrichen Worte aus den Reihen der Ahnen ehemaliger Hemsbacher Juden. So schrieb Rabbiner Mendelssohn, dass das Erreichte des Vereins ein Geschenk sei. Er baue Liebe und Respekt an Stellen auf, an denen Hass zerstörte, und nutze es als Einladung, um einer Gemeinschaft die Rückkehr in Würde und Frieden zu ermöglichen. Zu dieser Erinnerungsarbeit gehörte für Lohrbächer an diesem Abend die Musik, für die sich einmal mehr das Duo Allegro verantwortlich zeigte. „Der Abend ist Teil unserer beharrlichen Bemühungen, den jüdischen Stimmen in Geschichte und Gegenwart Gehör zu verschaffen“, so Lohrbächer. In diesem Fall war es die Stimme des jüdischen Komponisten und gefeierten Violinisten Josef Joachim. Er hatte im 19. Jahrhundert am eigenen Leib erfahren, was es heißt, als Jude ausgegrenzt und angefeindet zu werden. „Er hat wie wir mit Musik gegen den aufziehenden Antisemitismus protestiert“, erklärte Pianist Rolf Fritz, warum er sich zusammen mit Alexander Galushkin (Violine und Bratsche) dem ungarischen Musiker widmete. In der Musik fanden sich dabei die tanzende Ausgelassenheit des Frühlings ebenso wie die Melancholie, mit der Joachim seine jüdischen Wurzeln in den „Hebräischen Melodien“ verarbeitete. In diesen Stücken ließ schon allein die Bratsche in den Händen Galushkins, der sich blind mit Fritz verstand, die Atmosphäre von Tiefe und teilweise auch Tristesse in den Raum schweben.
Die Schwere der Komposition des Opus verband das Konzert mit den Geschehnissen in Auschwitz. 81 Jahre liegt dessen Befreiung zurück. Zurücklehnen vor den Ergebnissen der Erinnerungsarbeit – für Lohrbächer war das angesichts der bedrückenden Lebenssituation von Juden weltweit keine Option. Er rang um das Mit-sich-im-Reinen-sein und um Glaubwürdigkeit, als er dafür warb, gegen den Antisemitismus auch weiterhin aufzutreten. Letztlich ging es darum, nicht nur ein Lippenbekenntnis aus zwei Worten zu formen, sondern eine Haltung zu zeigen. Und zu vertreten. (cs)