
Dass Mensch und Tier innige Verbindungen und teils gar lebenslange Freundschaften miteinander eingehen, ist nichts Neues. Vom kleinen Guppy im Aquarium über Wellensittiche, Hunde und Katzen bis zum stattlichen Reitpferd reicht die Bandbreite der geflügelten oder vierbeinigen Begleiter unseres Daseins. Die Deutschen sind definitiv ein Volk von Tierliebhabern, so auch der seit 2001 in Weingarten wohnende Robert Scholz.
Dieser jedoch gibt sich nicht mit Kleinvieh ab – er mag es gerne eine Nummer größer. Die bis zu vier Tonnen wiegenden Asiatischen Elefanten sind für ihn genau das richtige Kaliber, und mittlerweile ist er ein international renommierter Spezialist für die grauen Rüsseltiere. Wie es dazu kam, erzählt Robert Scholz im Gespräch mit NUSSBAUM.de.
NUSSBAUM.de: Herr Scholz, Sie sind kürzlich zur Fußpflege an Elefanten bis nach Borneo geflogen. Können Sie unseren Lesern erzählen, wie alles so weit kam?
Robert Scholz: Das ist eine etwas längere Geschichte. Als Kind war ich viel draußen in der Natur. Aufgewachsen in Pforzheim, habe ich im nahegelegenen Wildpark sehr viel Zeit verbracht. Diese wird mich geprägt haben, und nach Abschluss der Mittleren Reife habe ich meine Ausbildung als Zootierpfleger im Karlsruher Stadtgarten 1995 begonnen.
NUSSBAUM.de: Das ist ein echter Ausbildungsberuf?
Scholz: Ja, die Lehrzeit dauert im Normalfall drei Jahre, ich konnte schon nach zweieinhalb Jahren die Prüfung bei der IHK erfolgreich absolvieren.
NUSSBAUM.de: Und warum wurden Elefanten dann zur ersten Wahl?
Scholz: Mich haben schon immer Großtiere interessiert. Im ersten Lehrjahr war ich im Streichelzoo eingeteilt, welcher direkt am Elefantenhaus angegliedert war. Wenn die Zeit es zuließ, verbrachte ich schon damals viel Zeit im Elefantenhaus. Der damalige Revierleiter sah in mir das große Interesse an den grauen Riesen und nahm mich auch direkt zu den Elefanten mit. Ich weiß heute noch, wie ich das erste Mal im Leben vor so einem mächtigen Koloss mit 2,5 Metern Höhe und einem Gewicht von vier Tonnen stand. Es war keine Angst, aber jede Menge Respekt. Schon damals waren Elefantenpfleger „Mangelware“, und so wurde ich in der Lehrzeit schon bei den Elefanten eingelernt und wurde später dann auch Revierleiter.
NUSSBAUM.de: Man hat schon einiges über das besondere Konzept des Karlsruher Zoos, gerade im Zusammenhang mit Elefanten gelesen. Können Sie es etwas genauer schildern?
Scholz: Das ist richtig. Wir hatten damals Europas erste Altersresidenz für asiatische Elefantenkühe eröffnet. Der Grund war, dass es in Europa immer mal alleinstehende Elefanten in Zoos und Zirkussen gab, da der letzte Partner der Gruppe altersbedingt verstorben war. Elefanten sind sehr soziale Tiere, eine Einzelhaltung ist in den meisten Fällen abzulehnen. Diese Elefanten in bestehende Zuchtgruppen zu integrieren ist nicht sinnvoll, da es sich um gewachsene Familienstrukturen handelt. Wir haben diesen Elefanten eine Möglichkeit gegeben, aufgenommen zu werden. Allerdings ist dies zum Teil eine schwierige Aufgabe. Elefanten sind alle unterschiedliche Persönlichkeiten. Einen neuen Elefanten in eine Gruppe zu integrieren, braucht sehr viel Zeit, Feingefühl und ein glückliches Händchen. Bedingt durch das fortgeschrittene Alter der aufnehmenden Elefanten ist auch ein häufiger Wechsel in der Altersresidenz keine Seltenheit.
NUSSBAUM.de: Wie alt kann ein Elefant werden, und bedarf es besonderer Pflege?
Scholz: Das durchschnittliche Alter eines Asiatischen Elefanten in der Natur liegt bei circa 45 Jahren. In Menschenobhut können Elefanten 50 Jahre und älter werden. Unsere 2019 verstorbene Rani war mit ihren 63 Jahren Deutschlands ältester und Europas zweitältester Elefant. Solche alte Tiere haben ihre Zipperlein. Das kann sich von Zahnerkrankungen über Tumore bis hin zu Fuß- und Nagelproblemen erstrecken.
NUSSBAUM.de: Und wie genau läuft die Fußpflege bei Elefanten ab?
Scholz: Vor über dreißig Jahren wurden Elefanten hauptsächlich auf Asphalt oder Beton gehalten. Durch diesen unnatürlichen Bodengrund und teilweise in Zoos herrschendes Übergewicht der Elefanten hat sich diese Haltungsform über die Jahre und Jahrzehnte negativ auf die Fußgesundheit der Elefanten ausgewirkt. Dazu kommt noch, dass Elefanten in Menschenobhut meist älter werden als in der Natur. Mit der jahrelang gesammelten Erfahrung haben wir den Elefanten verschiedene Untergründe sowohl im Elefantenhaus als auch im Außengehege ermöglicht. Dabei handelt es sich um trockene, harte, weiche, feuchte und matschige Untergründe. So kann der Elefant, wie auch in der Natur, selbst wählen, welchen Untergrund er gerade bevorzugt.
Die Auswahl von verschiedenen Bodenarten reicht dennoch allein nicht aus, um einen gesunden Fuß zu garantieren. Wie bei Pferden muss bei Elefanten ebenfalls das Horn gekürzt werden, jedoch handelt es sich hierbei nicht um einen Huf, sondern um Fußnägel. Elefanten sind Zehenspitzengänger. Bei dem enormen Körpergewicht und zu langen Nägeln können Risse im Nagel entstehen. Diese bilden eine Eintrittspforte für Bakterien. Daraus können schwerwiegende Abszesse entstehen, welche dem Elefanten große Schmerzen und sogar den Verlust des Fußnagels beschert. Um dies erst gar nicht so weit kommen zu lassen, muss der Elefant trainiert sein, seinen Fuß auf einen Hocker zu stellen, damit der Pfleger mit einer großen Huffeile und Hufmesser die Pediküre vollziehen kann.
NUSSBAUM.de: Man sagt, Sie sind der Elefantenflüsterer.
Scholz: Diesen Begriff lehne ich ab. Ich sage immer, man muss Elefanten verstehen und lesen können. Da wir mit Elefanten nicht reden können, kann mir der Elefant auch nicht sagen, was er benötigt. Er kann es eventuell anzeigen, aber ich muss es auch verstehen. Natürlich reagieren Elefanten auf Kommandos, aber das sind von uns Menschen kreierte Wortsilben, welche für den Elefanten keinen Sinn ergeben. Er ist eben nur auf den Wortlaut konditioniert. Je nach Intelligenz des Elefanten können bis zu 30 Kommandos angewendet werden.
NUSSBAUM.de: Im Jahr 2010 waren die Karlsruher Elefanten in großer Gefahr.
Scholz: Die Nacht zum 13. November 2010 war in der Tat die schlimmste meines Lebens. Um ca. 4 Uhr erreichte mich ein Anruf der damaligen Zoodirektorin, dass es beim Elefantenhaus brennt. Zuerst dachte ich, es handelt sich um eine Zigarette, die einen Brand in einem Mülleimer verursacht hat, was nicht selten vorkam. Aber mein Gefühl sagte mir, da ist noch etwas anderes. Von unterwegs habe ich aus dem Auto heraus mein Pflegerteam angerufen, das zuerst von einem Scherz ausging. Schneller als die Polizei erlaubt, bin ich Richtung Zoo geeilt. Am Scheck-in-Center in der Rüppurrer Straße musste ich wegen des kreuzenden Verkehrs halten, und da lag schon ein merkwürdiger Geruch in der Luft. Einbiegend auf die Ettlinger Straße hat sich das ganze Ausmaß gezeigt. Der gesamte Himmel war feuerrot. Am Zoo angekommen, standen das Elefantenhaus und der angegliederte Streichelzoo lichterloh in Flammen. Mir war klar – ich konnte nur über das Außengehege in den Elefantenstall hineinkommen.
Als ich das große Metalltor des Stalls öffnete, lag auf dem gesamten Boden alles voll mit den Glassplittern der Fenster. Durch den Rauch waren die vier Elefanten fast nicht zu erkennen. Ich selbst wusste nicht, wie die Elefanten in dieser Situation reagieren. Ganz laut und bestimmt habe ich jeden Elefanten bei seinem Namen gerufen: „Shanti“, „Rani“, „Jenny“ und „Ilona“, um sicherzugehen, dass sie mich erkennen. Glücklicherweise konnten alle Elefanten gerettet werden, im Streichelzoo jedoch sind alle 26 Tiere verendet. Auf den ersten Blick waren alle Elefanten wohlauf. Es war November und Elefanten sind nicht winterhart. Durch die Unterstützung von verschiedenen Feuerwehren und dem THW wurden der Stall mit einer Notbeleuchtung und die Fenster mit Sperrholzplatten notdürftig repariert.
Im gesamten Haus lag ein Geruch in der Luft, wie man es von einem Lagerfeuer kennt. Die Frage stellte sich: gehen die Elefanten überhaupt wieder dort hinein, wo sie höchstwahrscheinlich die schlimmste Erfahrung in ihrem Leben gemacht haben? Ich nahm damals die Leitkuh „Shanti“ am Ohr, und die Kollegen gingen mit den anderen Elefanten wie im Gänsemarsch ganz dicht hinterher. Es durfte kein Stocken geben, und auch keine Möglichkeit, nachzudenken. Durch das intensive Pfleger-Elefantenverhältnis war so viel Vertrauen da, dass wir die Elefanten vor der Kälte in Sicherheit bringen konnten. Zwei Tage später wurde klar, dass es doch nicht so glimpflich für die Elefanten verlief. Es bildeten sich vom Kopf bis zum Schwanz überall Blasen, gefüllt mit Flüssigkeit. Je nach Standort der einzelnen Elefanten während des Brandes war die Hitze so groß, dass die Tiere zwischen zwei bis drei Quadratmeter Haut verloren hatten, nicht durch herabfallendes Brandgut, sondern nur durch die heiße Luft im Stall. Insgesamt mussten die Elefanten vier Monate lang intensiv vom Pflegerteam behandelt werden. Waschen, Desinfizieren und Eincremen, und das bis zu viermal pro Tag. Zum Glück haben es alle Elefanten überlebt.
NUSSBAUM.de: Und wie kam es jetzt genau zu der Reise nach Borneo?
Scholz: Neben meiner Tätigkeit als Revierleiter im Elefantenhaus haben mich die Haltungsbedingungen von Elefanten in Zirkussen interessiert. Schon immer habe ich mein Wissen gerne weitergegeben, um für die Elefanten das Beste herauszuholen. Andererseits fand ich die Haltung in Zirkussen spannend und konnte auch da neue Eindrücke mitnehmen. Somit war es eine Win-win-Situation für beide Seiten. Ich hatte mir in Zirkuskreisen das Vertrauen erarbeitet, und so bekam ich eines Tages einen Anruf aus Monaco. Zum damaligen Zeitpunkt hatte Prinzessin Stéphanie von Monaco zwei alte Elefanten aus einem Zoo gerettet und ihnen ein neues Zuhause auf ihrem Privatanwesen gegeben. Ein Elefant, ihr Name war „Baby“, hatte bedingt durch das hohe Alter Fußprobleme. Somit war ich mehrere Jahre Europas einziger fürstlicher Podologe für Elefanten (Robert Scholz lacht). Dadurch wurde eine „Non-Governance-Organisation“ auf mich aufmerksam, die sich für den Schutz der Elefanten in Borneo einsetzt.
In Borneo gibt es keine Kultur im Umgang mit Elefanten wie in anderen Ländern Asiens. Daher wird das Fachwissen von Ausländern benötigt. Hierbei handelt es sich um Elefanten, die im Konflikt mit der dortigen Bevölkerung stehen, oder teilweise Babyelefanten, die allein auf Palmölplantagen vorgefunden werden. Diese Elefanten werden in eigens gebaute Auffangstationen gebracht, aufgepäppelt, gepflegt und trainiert. Und da kommt mein jahrzehntelanges Fachwissen ins Spiel, welches das dortige Wildlife Department gerne in Anspruch nimmt.
NUSSBAUM.de: Dürfte man auch bei uns in Weingarten einen Elefanten halten?
Scholz: Theoretisch ist es unter Berücksichtigung von Verordnungen und Gesetzen möglich, privat Elefanten zu halten. Da jedoch der Elefant ein Herdentier ist, wird eine Einzelhaltung nicht genehmigt und ist in den meisten Fällen auch abzulehnen. Dann stellt sich noch die Frage, wo bekommt man einen Elefanten her? Durch das Washingtoner Artenschutzabkommen ist der Handel mit Elefanten aus der Natur verboten, Nachzuchten aus den Zoos kommen nicht in private Hände und die paar verbliebenen Elefanten in Zirkussen werden in den nächsten Jahren altersbedingt versterben. Somit braucht sich kein Bürger in Weingarten Hoffnung oder Sorgen zu machen, dass in der Gemeinde ein Elefant einzieht.
Das Gespräch mit dem ehemaligen Zootierpfleger Robert Scholz führte unser freier Mitarbeiter Matthias Görner.
