Jens Nowotny ist ein ehemaliger Fußballprofi aus Karlsbad, in Malsch ist er auf die Welt gekommen. Sein Profidebüt machte er beim KSC, letztlich landete er bei Bayer 04 Leverkusen in der Bundesliga.
Champions-League-Finale, DFB-Pokal-Finale, Vizemeister, Spiel um Platz 3 bei der WM 2006 – Nowotny schaffte es bis in die höchsten Etagen des Fußballs. Heute lebt der 52-Jährige in der Nähe von Leverkusen, für den DFB trainiert er die U17-Nationalmannschaft.
NUSSBAUM.de und die MAZ konnten mit dem ehemaligen Profi ins Gespräch kommen. Wir sprachen über seinen Werdegang, seine Erfahrungen bei der WM 2006 sowie seine Tätigkeit als Jugendtrainer. Welche Tipps hat er für junge Spieler mit Profi-Ambitionen?
NUSSBAUM.de: In Malsch geboren, im Kreis Karlsruhe angefangen mit dem Fußballspielen. Denken Sie zurück, Herr Nowotny: Wie war das damals für Sie, vom Jugendspieler zum Profi zu werden?
Jens Nowotny: Das ist ein Traum, der in Erfüllung gegangen ist. Die Karriere – das klingt blöd, wenn man das von seiner eigenen sagt – ist mustergültig abgelaufen.
Ich habe in Spielberg gespielt, dann wurde ich Kreisauswahlspieler, dann badischer Auswahlspieler, dann Jugendnationalspieler, dann der Wechsel zum KSC – und schließlich Profi. Das ist wie ein Skript, das man sich seitens des DFB wünscht für die Ausbildung – aber auch seitens eines Jungen oder eines jungen Mädchens, wie die Karriere aussehen kann.
Ich habe einen Schritt nach dem anderen gemacht und schließlich einen Profivertrag bekommen.
NUSSBAUM.de: Sie sprechen davon, dass es für sie ein Traum war, der in Erfüllung gegangen ist. Wann hat dieser Traum begonnen? Können Sie sich daran erinnern?
Nowotny: Nicht wirklich. Natürlich war ich früher, soweit ich mich erinnere, einmal in einem großen Stadion beim KSC. Aber ich war kein Fan, der in jungen Jahren Woche für Woche ein Profiteam verfolgt hatte.
Ich war am Wochenende immer beim SV Spielberg auf dem Fußballplatz – samstags oder sonntags, später bei der ersten Mannschaft. Ich habe auch mit Freunden selbst gekickt – war aber nie Woche für Woche im Stadion und habe auch nie gesagt: „Da unten will ich einmal spielen.“
NUSSBAUM.de: Wann haben Sie zum ersten Mal gemerkt: „Ich kann wirklich Profi werden“? Welche Station war der Wendepunkt?
Nowotny: Der entscheidende Schritt war der von Friedrichstal-Blankenloch zum KSC, der Schritt zu einem Verein mit Profimannschaft. Dort habe ich gesehen: Das sind auch nur Menschen – aber halt Menschen, die etwas sehr, sehr gut können.
Gleichzeitig wusste ich durch meine Kollegen bei der Jugendnationalmannschaft, dass ich zu den Besten meines Jahrgangs gehörte. Der Schritt zum Profi war noch immer immens – aber er war da und er war sichtbar und er war zu schaffen.
NUSSBAUM.de: Inzwischen wohnen Sie bei Leverkusen. Haben Sie trotzdem noch Bezüge zu ihrer früheren Heimat bei Karlsruhe? Vermissen Sie etwas?
Nowotny: Was ich vermisse, ist diese Unbeschwertheit – aber das hat auch was mit der Jugend an sich zu tun. Wie man aufgewachsen ist, welche Möglichkeiten man hatte, sich zu entfalten. Auch nach der Schule mal rauszugehen.
In meiner Jugend ist man eher in die Natur gegangen, mit seinen Jungs, seinen Freunden, hat sich damals in der Schule verabredet. Dann musste man halt warten: Kommt er, oder kommt er nicht? Diese Kindheit vermisse ich.
Das Leben in Spielberg, wo ich aufgewachsen bin, war behütet. Wenn ich heute noch durch den Ort laufe, verbinde ich das einfach mit meiner Kindheit, obwohl ich da schon länger nicht mehr wohne.
NUSSBAUM.de: Haben Sie noch Kontakte hier in der Region?
Nowotny: Absolut. Meine Familie ist noch da. Wenn ich im Ort jemanden treffe im gleichen Alter, dann kennt man sich meist noch aus der Schule. Inzwischen bin ich nicht mehr so regelmäßig da, muss ich sagen, aber ab und zu bin ich schon noch vor Ort.
NUSSBAUM.de: Gegen Portugal im Spiel um Platz 3 sind Sie bei der WM 2006 aufgelaufen. Wie war es, bei einem solchen Wettbewerb im eigenen Land dabei zu sein? Was waren ihre einprägsamsten Erlebnisse?
Nowotny: Das war natürlich mega. Ich hatte schon zwei Europameisterschaften gespielt, war dann aber bei der WM 2002 verletzt. Ich hatte zwei Kreuzbandrisse direkt hintereinander, wurde bei Bayer 04 Leverkusen 2005 suspendiert, nur drei, vier Monate durfte ich dann spielen – und dann ruft Jürgen [Klinsmann] an und meint, er würde mich gerne zur Nationalmannschaft, zur WM mitnehmen, im eigenen Land. Das ist unglaublich gewesen.
Natürlich ist es immer spannend, Turniere in anderen Ländern zu spielen. Aber wenn man erst erlebt, welche Euphorie man im eigenen Land entfachen kann, mit dem, was man tut – dann hat das schon etwas mit Stolz zu tun.
NUSSBAUM.de: Was ist der Unterschied zwischen ‚für die Nationalmannschaft auflaufen‘ und ‚für den Verein auflaufen‘?
Nowotny: Normalerweise spielt man für einen Klub in Deutschland immer auch gegen eine Fanhälfte. Ob Köln gegen Leverkusen, Karlsruhe gegen Stuttgart, die ganzen Derbys – es gibt immer ein Team, gegen das man im eigenen Land antritt.
Wenn du aber für Deutschland aufläufst, ist ganz Deutschland hinter dir vereint und möchte, dass du Erfolg hast. Das ist toll: Wenn du dann in einem Stadion in Hamburg, in Berlin, Kaiserslautern oder Stuttgart spielst, jubeln dir die eigentlich gegnerischen Fans auch zu. Das ist schon cool.
NUSSBAUM.de: Wie beschreiben Sie das WM-Feeling? Was macht das Event für Sie besonders?
Nowotny: Es macht einen Unterschied, ob man Akteur in der ersten Elf oder Ersatzspieler ist. Selbst unter den Ersatzspielern war ich derjenige, der am weitesten weg von der Startelf war. Ich hatte eine ganz andere Aufgabe: Ich konnte ohne Druck zu einem Spiel fahren, weil ich gewusst hatte, dass ich nicht spiele. Somit konnte ich alles andere in mich aufnehmen.
Wenn man spielt, ist man fokussierter. Du bist in deiner eigenen Welt, bereitest dich vor, jeder individuell. Wenn du aber weißt, dass du auf der Bank sitzt, dann lässt man sich eher von seinen Gefühlen leiten, von dem was um einen herum passiert.
Das ist bei einer WM im eigenen Land gigantisch zu sehen: Wie die Stimmung Woche für Woche, Spiel zu Spiel steigt, wie das Land anfängt zu leben, zu blühen, zu leuchten, zu strahlen. Das ist einfach ein Traum.
NUSSBAUM.de: Man spricht ja auch vom „Sommermärchen“. Wie stehen Sie zu dem Begriff?
Nowotny: Normalerweise endet ein Märchen immer gut. Ich denke man muss es aber differenziert sehen: Sportlich gesehen wären wir alle gerne Weltmeister geworden. Für mich persönlich wäre das nicht ausschließlich positiv gewesen, denn ich hätte dann wahrscheinlich kein Spiel gemacht.
Aber für das Land war es unglaublich. Für die Menschen und die Öffentlichkeit, die Deutschland und die Deutschen plötzlich anders wahrgenommen hatten – viel offener, weltfreundlicher. Es gab das erste Mal Public Viewing: Wir haben es im Prinzip in die Welt getragen. Da kann man stolz drauf sein.
NUSSBAUM.de: Genug erinnert: Inzwischen sind Sie Assistenztrainer der U 17-Nationalmannschaft: Wie ist das damals zustandegekommen, beim DFB anzufangen?
Nowotny: Meine Aussage war immer: Ich würde niemals Trainer werden. Ich konnte es mir nicht einmal vorstellen, weil ich zu viele Erfahrungen gemacht hatte, bei denen ein Trainer die ärmste Sau ist, obwohl er oft gar nichts dafür kann, wenn etwas schiefläuft.
Dann bin ich in die Beraterszene hineingegangen, habe über die Spielerberatung Kontakt zu dem ein oder anderen ehemaligen Begleiter gehalten. Guido Streichsbier, Christian Wück oder Gunther Metz kannte ich schon aus der aktiven Karriere.
Irgendwann rief mich Guido Streichsbier an. Mit ihm habe ich noch heute einen guten Kontakt. Er sagte: „Du, wie sieht’s aus? Hast du deinen Hut in den Ring geworfen?“ So kam eines zum anderen.
Jugendarbeit hatte mich schon immer interessiert. Ich bin schon lange Botschafter des Kinderhospizvereins, im Kuratorium der Sepp-Herberger-Stiftung, damals auch „Mutige Kinder“ oder Kidshelp Kambodscha. Das ging dann relativ fix.
Die einzige Sorge, die der DFB in meine Richtung hatte, war, ob ich mit dem Auto, das mir zur Verfügung gestellt wird, nicht zufrieden sein könnte. Da habe ich gemeint: Ich bin erstmal glücklich und froh, wieder beim DFB zu sein. Für mich ist das eine Ehre, eine Freude.
Ich habe vor Jahren angefangen – und bin jetzt mit 52 wieder oder immer noch beim DFB. Das ist eigentlich ein gutes Gefühl, da freue ich mich.
NUSSBAUM.de: Was bedeutet es für Sie, die Jugend auszubilden?
Nowotny: Die Jugend ist unsere Zukunft. Wir wissen, wie unterschiedlich Kinder sich entwickeln. Man war selbst auch mal Kind, hat aber vieles bereits vergessen, wie das in der Pubertät ist.
Wenn der erste Freund oder die erste Freundin kommt, wenn man das erste Mal auf Partys geht, das erste Mal Alkohol ausprobiert wird – dann ist das eine „normale“ Jugend. In der Ausbildung aber ordnet man alles dem Fußball unter.
Ich möchte da ein Gegen- beziehungsweise Gleichgewichtspart sein. Bei allem professionellem Denken: Wir reden hier über Jugendliche. Die haben ihre Themen, die mit dem Fußball nichts zu tun haben, den Fußball und ihre Leistung aber extrem beeinflussen.
Manchmal ist die Leistung am Wochenende eben nicht darauf zurückzuführen, dass er nicht kicken kann, sondern dass er vielleicht gerade schulisch Probleme hat, dass die Freundin sich von ihm getrennt hat, oder dass es gerade in der Freundesgruppe nicht so stimmt. Ich hoffe, dass ich da einen Blick darauf werfen und solche Themen in Gespräche mit dem Trainerteam einbringen kann. Fußball ist wichtig, aber nicht das Wichtigste.
NUSSBAUM.de: Es wird ja gerade jetzt im Zuge der WM-Auswahl viel darüber gesprochen, wo uns sozusagen die Typen fehlen. Wo sehen Sie zurzeit die größten Mängel und Stärken in der deutschen Jugendausbildung?
Nowotny: Grundsätzlich finde ich die Ausbildung, die in Deutschland stattfindet, sehr gut. Wirklich: Viele Vereine machen sich über alles Mögliche Gedanken und versuchen, Probleme frühzeitig zu erkennen und Hilfestellung zu leisten.
Das ist vielleicht manchmal strikt, nimmt aber auch viel ab. Ich hatte letzte Saison mit dem Trainer einer Mannschaft gesprochen, die in einem Leistungszentrum spielt. Die hatten ein Auswärtsspiel bei einer Mannschaft, bei der die Bedingungen nicht so top waren.
Er sagte mir: „Wir wässern unseren Platz nicht, um uns auf das Spiel vorzubereiten.“ Da bereitet man künstlich Widerstände für die Jungs vor, die sie dann überwinden müssen.
Da sage ich: Lass die Jungs doch einfach Jungs sein, anstatt ihnen so ein enges Korsett anzuziehen. Das kann uns auch in die Karten spielen, weil wir Jungen und Mädchen haben wollen, die auf dem Platz eigenständig Entscheidungen treffen können. Da sind so enge Rahmenbedingungen vielleicht das falsche Utensil.
NUSSBAUM.de: Was ist wichtiger: individuelle Qualität oder taktische Ausbildung im Jugendbereich?
Nowotny: Am Anfang, im Kinderbereich, ganz klar Spaßförderung, individuelle Förderung. Sobald es in den U 15/U 16-Bereich geht, kommen mannschaftstaktische Elemente hinzu, weil die Ausbildung dann eher dahingeht, Fußballverständnis im Mannschaftskontext zu entwickeln.
Bis dahin musst du mit dem Ball umgehen können, der Ball sollte dein Freund sein. Am besten bist du weitestgehend beidfüßig, um beidfüßig Entscheidungen umsetzen zu können. Vom Kopf her musst du schnell auf Situationen reagieren können. Auf solche Sachen wird im Jugendbereich Wert gelegt. Trainieren lassen sich all diese Elemente am besten in kleinen Spielformen – so, wie wir es vom Bolzplatz kennen.
NUSSBAUM.de: Je älter die Spieler werden, desto mehr Taktik, kann man sagen.
Nowotny: Ja, für die Jüngeren geht es um die individuelle Technik, dann verschiebt sich das hin zur individuellen Taktik und schließlich zur Gruppen- oder Mannschaftstaktik.
Trotzdem sollten die Basics im späteren Jugendbereich sowie im jungen Erwachsenenbereich immer noch da sein. Es schadet nie, noch den ein oder anderen Kniff in der Ballbehandlung zu lernen, selbst wenn man schon Mitte 20 ist.
NUSSBAUM.de: Gibt es Weisheiten frühere Trainer, die Sie heute als Trainer prägen? Welche Tipps geben Sie den jungen Spielern mit?
Nowotny: Wichtig ist, eine Bezugsperson zu haben, der man vertraut, die man bestenfalls mitnehmen kann. Heutzutage ist der Trainerposten ein Posten, der teils auf wackligen Füßen steht. Wenn man es aber schafft, im Verein – gerade im Jugendbereich – ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, das sich im Profibereich fortsetzen kann, finde ich das ganz wichtig.
NUSSBAUM.de: Was sagen Sie einem jungen Spieler sagen, der Profi werden will?
Nowotny: Du brauchst einen langen Atem. Du brauchst Disziplin.
Motiviert sind sie alle. Es kommt keiner unmotiviert zum Training. Man braucht aber Disziplin, an sich selbst zu arbeiten und links und rechts außen vor zu lassen. Und den Mut zu haben, zum Trainer zu gehen und zu fragen: „Woran kann ich noch arbeiten? Können wir da noch was machen?“ – egal, was die anderen sagen.
NUSSBAUM.de: Zu guter Letzt: Wer wird Weltmeister?
Nowotny: Die Hoffnung sagt natürlich Deutschland. Mein Gefühl sagt Spanien.
Die Fragen stellte Justin Schick.